29.04.2025

Kick-Off für „Gemeinsam STARK“: Junge Geflüchtete und Jugendliche mit Migrationsbiografie gestalten gemeinsam mit Jugendverbänden Demokratie

Teilhabe, Demokratiebildung und der Umgang mit Diskriminierung wie anti-muslimischem und anti-Schwarzem Rassismus stehen im Zentrum des neuen Projekts. BJR-Präsident Seitz: „Jugendarbeit in der Migrationsgesellschaft muss die Anliegen junger Migrant:innen aufgreifen und sie ermutigen, sich aktiv Gehör zu verschaffen.“

„Gemeinsam STARK“ heißt das neue Projekt des Bayerischen Jugendrings (BJR), das vom Bundesprogramm „Demokratie leben!“ gefördert wird und gestern Abend mit einer Kick-Off-Veranstaltung in München startete. Ziel von „Gemeinsam STARK“ ist es, jungen Menschen mit Migrationsbiografie mit den Mitteln der Jugendarbeit Wege zu einer gleichberechtigten gesellschaftlichen Teilhabe zu ermöglichen. Nicht für und nicht über Migrant:innen soll gesprochen werden, sondern mit ihnen. Das Projekt richtet sich vorrangig an haupt- und ehrenamtliche Kräfte der Jugendarbeit und an Multiplikator:innen, wie sie in Bayern in zahlreichen Vereinen junger Menschen mit Migrationsbiografie aktiv sind. Die Projektdauer beträgt voraussichtlich vier Jahre, Projektkoordinatorin ist Astrid Kösterke.

Bei einer Podiumsdiskussion unterstrich BJR-Präsident Philipp Seitz die Relevanz des innovativen Projekts: „Die gleichberechtigte Teilhabe junger Menschen mit Migrationsbiografie ist seit vielen Jahren ein Herzensthema des BJR. ‚Gemeinsam STARK` ist bereits das vierte Projekt unter dem Dach des BJR, das speziell junge Geflüchtete und Jugendliche mit Migrationsbiografie anspricht. Jugendarbeit in Bayern ist seit vielen Jahren Jugendarbeit in der Migrationsgesellschaft. Das neue Projekt soll zeigen, wie Demokratiebildung in diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle spielen kann.“

Allerdings gebe es bei der Verwirklichung einer diversitätssensiblen Jugendarbeit auch Herausforderungen, räumte Seitz sein. Diese würden verstärkt durch die aktuelle, überwiegend negative gesellschaftliche Debatte zu Integrations- und Migrations-Themen. In diesem Zusammenhang nähmen anti-muslimischer und anti-Schwarzer Rassismus zu: „Jugendarbeit in Bayern muss noch sensibler für diese Entwicklungen werden und Gegenstrategien erarbeiten. Im Zentrum stehen dabei immer die Betroffenen. Jugendarbeit in der Migrationsgesellschaft muss die Anliegen der Migrant:innen aufgreifen und sie ermutigen, sich aktiv Gehör zu verschaffen.“

Nach Überzeugung des BJR kann Jugendarbeit für junge Menschen mit Migrationsbiografie hierbei gezielt unterstützen: Demokratiebildung durch entsprechende Schulungen kann sie befähigen, mit Diskriminierungen selbstbewusster umzugehen. Beispielsweise können sie durch selbst gestaltete Medienbeiträge zeigen, wie sie selbst gesehen werden möchten. So ist für 2025 eine Social Media-Kampagne gegen anti-muslimischen Rassismus geplant, bei dem Alltagserfahrungen und Wünsche der Betroffenen im Fokus stehen.

Langfristiges Projektziel ist es, Handlungsempfehlungen und Awareness-Konzepte für die Jugendarbeit zu entwickeln. Diskriminierungserfahrungen junger Menschen mit Migrationsbiografie sollen besser aufgefangen und bearbeitet werden, um sie im Bedarfsfall zielgerichtet unterstützen zu können.

Auf dem Podium diskutierten mit BJR-Präsident Philipp Seitz: Karl Straub, Mitglied des Bayerischen Landtags und Integrationsbeauftragter der Bayerischen Staatsregierung, Didem Karabulut, Vorstandsmitglied der Arbeitsgemeinschaft der Ausländer-, Migranten- und Integrationsbeiräte Bayerns (AGABY), Kharis Ikoko-Mbokolo, Trainerin und Aktivistin, Elif Binici vom JFF – Münchner Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis. Moderiert wurde die Diskussion von Héléne Düll, BJR-Referentin für Integration und interkulturelle Jugendarbeit.

Der Integrationsbeauftragte der Bayerischen Staatsregierung, Karl Straub, betonte, dass Muslime für ihn nicht „die Anderen“ seien, keine Minderheitsgesellschaft, sondern „Teil der Mehrheitsgesellschaft, die gerade gemeinsam gegen Rechtsaußen und andere extreme Ränder kämpft. Wir brauchen die Religionsgemeinschaften als Partner im Kampf gegen Extremismus“, so Straub. Er wünsche sich aber, dass Muslime trotz der dezentralen Struktur innerhalb der Glaubensgemeinschaft in gesellschaftlich zentralen Fragen viel mehr als bisher mit einer gemeinsamen Stimme nach Außen sprechen.

Didem Karabulut warb für Verständnis für die Selbstwahrnehmung z.B. von Muslim:innen und People of Color als Minderheit, auch wenn sie diese Perspektive persönlich nicht teile: „Wenn ich durch Deutschland reise, sehe ich es als mein Land. Ich bin hier geboren, habe einen deutschen Pass, sehe zum Beispiel die Infrastruktur auch als meine Infrastruktur. Aber das fühlen nicht alle so. Dass es in Zukunft so sein wird, muss unser Ziel sein.“

Karis Ikoko-Mbokolo unterstrich, dass sich die Unterscheidung von Mehrheitsgesellschaft und Minderheiten anhand von Ressourcen ergebe, die  ungleich verteilt seien: „Geld, Sicherheit, Sprachfähigkeit, Zugänge zu gesellschaftlicher Teilhabe: Man kann nicht einfach sagen: Da sind wir alle gleich, wenn wir nur wollen.“ Im Übrigen gebe es alltäglichen Rassismus nicht nur in der rechtsextremen Szene, sondern überall in der Gesellschaft.

Elif Binici machte darauf aufmerksam, dass mediale Diskurse zur Diskriminierung von Muslim:innen beitrügen: „Studien zeigen, dass Islam und Muslim:innen in den Medien fast ausschließlich im negativen Kontext vorkommen." Dies verzerre gesellschaftliche Realitäten.

Ungeteilte Zustimmung fand das von BJR-Präsident Philipp Seitz gefasste Resümee, wonach das innovative Projekt „Gemeinsam STARK“ unterschiedliche Perspektiven sammeln und Blindstellen und falsche Vereinfachungen bewusst machen soll. Ziel sei eine Jugendarbeit, die wirklich alle jungen Menschen erreiche.

Foto (v.l.): Hélène Düll, Karl Straub, Didem Karabulut, Karis Ikoko-Mbokolo, Philipp Seitz, Elif Binici.

Kontakt:
Ellen Daniel
Pressesprecherin
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